The Te Araroa Trail

7. Trail-Abschnitt: Von Hamilton nach Te Kuiti über den Pirongia – Blinder Passagier an Bord!

Te Araroa Trail Total (TTT): 912 km

 

Highlight:

Pirongia Peak – Tolle Aussichten in 959 Meter Höhe, dem bisherigen „Dach“ des Trails

 

Beileid:

Hmm, fällt mir gerade nichts zu ein!

 

💪🏼: 7/10
😄😐☹: 8/10

Barry "The Brick"

Barry „The Brick“

Darf ich vorstellen? Das ist Barry „The Brick“! 😉 Sein Zuhause ist normalerweise der 90 Mile Beach, ganz im Norden Neuseelands und inzwischen über 900 Wanderkilometer entfernt. Was Barry „The Brick“ so weit von zu Hause entfernt treibt und wie er in meinen Rucksack gelangt ist, lest ihr weiter unten…

Trail Day 29: Von Hamilton nach Airstrip @ km 829 (31 km)

Puh, drei Tage obsessive Fress-Weihnachten gingen offensichtlich nicht spurlos an mir vorüber! Am Morgen des 28. ging es für alle wieder auf den Trail und wir freuten uns schon darauf. Matt und Kelsea waren den Vortag schon wieder die 40 km zurück nach Huntly gefahren; Faustine, Maël und Dafydd mussten noch einen kleinen Teil des Trails in Hamilton nachholen und starteten an anderer Stelle; John und Pat mussten noch einkaufen. Also brach ich schonmal allein gemächlich auf und würde zumindest einen Teil der Gruppe später wiedertreffen.

Zunächst wanderte ich also durch das ausgestorbene Hamilton (bis auf ein paar Obdachlose und andere düstere Gestalten war niemand zu sehen). Es war bereits sehr warm und ich kam nur schwer in Tritt. Die drei Tage Pause waren auf keinen Fall Erholung… aber für wen ist das Weihnachten schon?! 😉

Einzige schattige Ablenkung auf dem Trail bot nach der Stadt das „Arbetorum“, ein schöner Park mit hohen Bäumen und einigem Vogelvolk. Nach der Stadt wanderte ich weiter über Felder und Straßen immer in Richtung des Vulkans Pirongia, den ich jetzt schon immer mal wieder in der Ferne erblicken konnte. Und ich freute mich bereits darauf, auch wenn der Auf- und Abstieg vermutlich schwierig werden sollten.

Unterwegs traf ich auf weitere TA Hiker: Ein schwedisches Pärchen und Charles aus Frankreich. Hamilton war offensichtlich für viele Wanderer Zwischenstopp über Weihnachten. Und kurze Zeit holten uns auch John und Pat ein, sodass wir in einer großen Gruppe weiterliefen.

Highlight des Tages: Die Todes-Kuhherde! Grundsätzlich gibt es hier zwei Arten von Kühen: Die eine Gruppe hat in der Regel Angst vor Menschen und nimmt sofort Reißaus, wenn man ihnen zu nahe kommt. Das ist bestimmt bei 90% aller Kühe der Fall. Die Todes-Kuhherde gehörte allerdings zu der Gruppe, die eher darauf aus ist, ihr Revier oder ihre Kälber zu verteidigen. Oder einfach nur gefüttert zu werden, wer erkennt da schon den Unterschied?! Auf jeden Fall war es relativ angsteinflößend, als uns mindestens 50 Kühe bis auf wenige Zentimeter über ihre Weide trieben! Wobei Pat auch noch in einen fetten frischen Kuhfladen latschte, was uns sofort wieder aufheiterte. 😉

Irgendwann trennten wir uns von den Schweden und von Charles und campten auf einem kleinen Airstrip hoch in den Feldern. Diese kurzen Start- und Landebahnen werden von kleinen Cessnas für Düngeflüge in der Landwirtschaft benutzt. Vorteil: Sie sind immer relativ eben. Und zu dieser Jahreszeit so gut wie immer nicht im Betrieb.

Da es eine trockene Nacht werden sollte, entschlossen wir uns, unter freiem Himmel zu schlafen und den Sternenhimmel zu genießen. Hier oben wehte ein wahnsinnig starker Wind, der erst nach Sonnenuntergang abflaute. Ich legte mein Zelt als Untergrund aus, blies meine Luftmatratze auf und machte es mir in meinem Schlafsack gemütlich. Der Sternenhimmel war wegen Vollmond und der naheliegenden Stadt Hamilton nicht besonders gut zu erkennen, aber es war ein super Gefühl so unter freiem Himmel zu schlafen! Mit einem Hauch von Freiheit nickte ich zufrieden ein…

Trail Day 30: Pirongia Traverse Part I (19 km)

…um dann klamm und nass aufzuwachen! Hätten wir uns ja eigentlich denken können: Es hatte zwar wie vorhergesagt nicht geregnet, aber allein der Tau reichte aus für einen nassen Schlafsack! Und wer sich ein bisschen mit Daunen auskennt weiß, dass das keine besonders gute Nachricht ist. Anyway, es ließ sich nicht ändern. Wir packten unsere klammen Sachen zusammen (mein Zelt war natürlich auch nicht verschont geblieben) und würden sie später trocknen lassen müssen.

Ich fühlte mich heute allerdings viel besser als am gestrigen Tag und schlug mit Podcast im Ohr mein eigenes Tempo an. Nach den Feldern führten nun einige Kilometer wieder der Straße entlang, bevor wir zum Fuße des Pirongia gelangen würden. Ich blickte mich nach einer halben Stunde um, aber von John und Pat keine Spur! Ich wanderte weiter bis zum Zeltplatz direkt vor Beginn des Pirongia-Anstiegs, füllte meine Wasservorräte etwas im eiskalten Bach auf und wartete eine weitere Viertelstunde auf die anderen. Aber immer noch kein Zeichen, sodass ich den Aufstieg allein in Angriff nahm. Normalerweise sollte dieser 4 – 5 Stunden dauern, aber ich wollte so schnell wie möglich oben ankommen, um Gipfel und Ausblick einige Zeit allein genießen zu können.

Die ersten zwei Stunden und sechs Kilometer vergingen wie im Flug; ich konnte gar nicht glauben, wie schnell ich vorankam. Bisher waren die Steigungen bis auf einige Ausnahmen auch noch sehr sanft. Ehrlich gesagt hatte ich zu diesem Zeitpunkt den Schlussanstieg auch krass unterschätzt. Denn die letzten zwei Kilometer waren extrem steil; teilweise war es kein Trail mehr, sondern eine reine Kletterpartie. Und wenn ich nicht gerade kletterte, versuchte ich irgendwie um die Schlamm-Massen herumzukommen…aber keine Chance, hier lag überall nasser Matsch!

Irgendwann dann Panik: Ich wollte gerade ein Foto mit meinem iPhone machen, als ich merkte, dass meine Hüftgürteltasche offen war. Ich hatte in meiner Pause einen Müsliriegel herausgenommen und den Reißverschluss offensichtlich nicht mehr geschlossen. Blöd nur, dass darin auch mein Handy verstaut ist…normalerweise, denn jetzt war es nämlich weg! Schwarzes iPhone in einem schwarzen Schutz-Case…im schwarzem Schlamm?!?! Ich musste hinuntersteigen und es finden. Und mit jedem Höhenmeter hinab stieg gleichzeitig meine Anspannung (um nicht zu sagen P A N I K ! ! !). Auf dem iPhone hatte ich nämlich neben meinen Podcasts und einigen Fotos auch Trail Notes, Kartenmaterial und GPS-Files gespeichert. Ich suchte also weiter und weiter, aber es könnte ja auch in einer der zahlreichen ruckhaften Kletteraktionen neben den Trail ins Gebüsch geschleudert worden sein. Und dann würde ich es nie mehr wiederfinden! Ich machte mich gerade bereit für Vorwürfe und Selbsthass, als es auf einmal mitten auf dem Trail schimmerte: mein Handy lag relativ unversehrt auf weicher, schwarzer Erde. Nicht im Schlamm und nicht irgendwo im Gebüsch! Ein kurzer Check und es war wie durch ein Wunder unversehrt. Schreckminuten vorbei und wieder weiter auf nach oben! 😉

Insgesamt benötigte ich letztendlich drei Stunden. Ich stieg auf die Aussichtsplattform und genoss überragende Aussichten auf den Norden Neuseelands. Die Tortur hatte sich gelohnt! Es war inzwischen halb zwei und ich machte gemütlich Mittagspause bei wunderschönem Wetter und Panorama.John und Pat sollten erst nach mehr als eine Stunde zu mir hinzustoßen und ich genoss die Ruhe und den Ausblick. Nur 15 Minuten entfernt vom Gipfel liegt die Berghütte Pahautea Hut, wo wir den Rest des Tages verbringen wollten…auch um wieder auf Faustine, Maël und Dafydd zu warten, die im Laufe des Nachmittags eintrafen.

Heute war übrigens auch der Tag der Deutschen: Bisher hatte ich noch keinen anderen Deutschen auf dem Trail getroffen, dafür am heutigen Tag gleich vier! Und alle lernte ich auf dem Gipfel vom Pirongia kennen. 😉 Zunächst waren da das sehr sympathische Paar Frauke und Thomas von Norderney und später stießen noch Hannes und Andi hinzu. Am Ende des Tages waren wir über zehn TA Hiker auf dem Gipfel des Pirongia und tauschten in der komfortablen und warmen Hütte Trail Stories aus. Ein super Ausklang des Tages!

Trail Day 31: Pirongia Traverse Part II bis Airstrip @ Km 880 (32 km)

Nach einer erholsamen, aber windigen und kalten Nacht auf 959 Meter frühstückte ich gemütlich mit dem Rest der Gruppe. Nächstes Ziel war für alle das Dorf Te Kuiti in 65 km Entfernung. Ich wollte es in zwei Tagen erreichen, da sich meine Essensvorräte langsam dem Ende entgegen neigten. Die anderen wollten es dagegen ruhiger angehen lassen und erst einen Tag später dort ankommen.

Der Abstieg war wieder extrem hart, vor allem nach dem Muskelkater von gestern. Über zweieinhalb Stunden musste ich mich sehr konzentrieren, um im Matsch nicht auszurutschen und mich zu verletzen. So ganz ohne Blessuren kam ich natürlich nicht davon, weil ich direkt in einen Camouflage-Ast auf Oberschenkelhöhe lief. Ich machte also wieder einen auf Sharapowa im Wald und lief dann weiter. 😉

Bis nach Te Kuiti sollte der Trail abwechselnd über Straße, Kieswege, Wald und Feldern führen, fast stetig auf einer Höhe zwischen 300 und 500 Metern. Auch heute war es wieder sehr heiß und das Wandern dadurch umso anstrengender. Aber immerhin blies hin und wieder ein kräftiger kühlender Wind.

Die Landschaft war wieder überragend! Vor allem die kurzen Waldabschnitte waren wunderschön…und vor allem schattig! 😉 Anfangs traf ich noch einige Male Hannes und Alex, die ich dann aber hinter mir ließ. Nach einiger Zeit wurden meine Wasservorräte wieder knapp und ich machte mich auf die Suche nach einem Bach. Da es regnerisch aussah, nutzte ich die Pause auch, um meine Regenjacke schonmal griffbereit zu haben. Und beim Durchwühlen meines Rucksacks stieß ich überrascht auf einen blinden Passagier:
Es war Barry „The Brick“ (wer kennt ihn nicht?!). Zunächst dachte ich an ein geheimes Geschenk einer meiner Mitstreiter und freute mich schon. Doch die beiliegende Notiz (entweder geschrieben von John oder Dafydd) belehrte mich eines besseren: Barry „The Brick“ (geschätzt über 300 Gramm schwer) will nämlich ebenso die gesamten 3.000 Kilometer des Trails „wandern“ und es bis nach Bluff schaffen. Da Barry „The Brick“ aber fauler und schlauer ist als wir Menschen, lässt er sich dahin lieber tragen…und zwar in verschiedenen Rucksäcken. Coole Idee von Logan (von dem ich an anderer Stelle schonmal geschrieben hatte)! Und jetzt hatte es eben mich erwischt! 😉

Barry "The Brick" & note

Barry „The Brick“ & note

Ich packte also Barry „The Brick“ wieder behutsam ein, filterte genug Wasser für den Rest des Tages und die Nacht und machte mich wieder auf den Weg. Mein Ziel war auch heute wieder ein Airstrip, diesmal auf 500 Meter Höhe. Der Tag neigte sich so langsam dem Ende entgegen und es waren nur noch zwei Kilometer bis zur designierten Schlafstelle. Auf dem Weg dahin überwand ich noch eine weitere Todes-Kuhherde, die mir aggressiv (oder ängstlich?) hinterhermuhte, und stieg kurz vor Ankunft direkt in ein getarntes Matschloch. Das musste ja nochmal passieren!

Der Wind wehte heftig auf dem Airstrip; hier konnte ich unmöglich campen. Aber schnell fand ich hinter einem Schuppen Windschutz und baute dort mein Zelt auf. Bis zum Sonnenuntergang genossen Barry „The Brick“ und ich den Panoramablick auf den hinter uns liegenden Pirongia sowie in weiter Entfernung auf den Mount Ruapehu, ein mächtiger Vulkan mit über 2.500 Meter Höhe und noch etwas Schnee auf der Spitze. Perfekter hätte der Tag nicht enden können! 😉

Trail Day 32: Von Airstrip @ Km 880 nach Te Kuiti (32 km)

Nur noch 32 km bis Te Kuiti und die Aussicht auf einen Ruhetag, um dort ins neue Jahr zu feiern! 😉 Motiviert ging ich also in die nächste Etappe und ich war wieder begeistert von der Aussicht und einem sehenswerten Waldabschnitt. Nach anderthalb Stunden stieß ich bereits auf den Moakurarua Stream, den ich hindurchwaten musste. Spontan entschloss ich mich zu einer ausgiebigen Badepause; meine letzte Dusche war übrigens in Hamilton und ich tat damit mir und meinen Mitmenschen einen großen Gefallen! 😉

Das Profil der Etappe war sehr hügelig und auch durch die Hitze wieder anspruchsvoller als erhofft. Dennoch kam ich gut voran und erreichte mittags den Touristenort Waitomo. Waitomo ist berühmt für seine Höhlen und Glühwürmer und ganze Horden versammelten sich an diesem Tag hier. Ich war leicht überfordert nach der Ruhe und Abgeschiedenheit der letzten Tage! Aber solche Orte haben ja auch ihre Vorteile: Ich gönnte mir in einer Bar ein paar Pommes und unterhielt mich bei einem echt leckeren King Country Pale Ale aus eigener Brauerei mit zwei Kiwis. 😉

Mit dem Bier hatte ich es allerdings auch gleich übertrieben, meine Toleranzschwelle lag noch nie so niedrig! Nach dem halben Liter (und wie ich später erfuhr 6,2% Alkohol) war ich bereits angetrunken. Die Erschöpfung und Mittagshitze halfen auch nicht gerade. Und bis nach Te Kuiti waren es noch 16 Kilometer! Ich machte mich also wieder leicht dizzy auf den Weg und verlief mich sofort. Zurück auf dem Trail lief ich gleich in Frauke und Thomas hinein, die Pirongia bereits den Nachmittag vor mir verlassen hatten.

So liefen wir einige Zeit zusammen, was sich als Segen herausstellen sollte. Denn erstens sind die beiden nicht nur super nett, sondern Thomas kann auch gut mit fiesen Kühen umgehen. So fühlte ich mich gut aufgehoben! 😉 Unsere Wege trennten sich fünf Kilometer vor dem Ort, weil die beiden eigentlich noch vor Te Kuiti campen wollten. Ich lief also alleine weiter und stieß auf eine extrem aggressive Kuhmeute, die bereits eng um den Zaun drängelte, als sie mich erspähte. Ich ging etwas näher und sofort wurde es unruhiger und lauter unter den Viechern. Aber diesmal nicht mit mir! Ich entschied mich für einen Umweg; die Kuhherde hatte mich in die Flucht geschlagen. Statt über Felder und Kuhweiden ging ich eine Straße entlang in Richtung Stadt…

…und traf dort vorm Supermarkt auf Pat, der am gestrigen Tag vor mir vom Pirongia aufgebrochen war (und sich eigentlich 40 km pro Tag vorgenommen hatte, aber das Profil der beiden Tage ließ es einfach nicht zu). Ich musste mich erstmal etwas ausruhen, aber schließlich konnten wir mit prall gefüllten Einkaufstüten zur Campsite laufen. Und später stießen noch Thomas und Frauke hinzu; sie hatten vor Te Kuiti keine Wasserquelle auftreiben können und mussten so doch noch den Weg in die Stadt auf sich nehmen. Angesprochen auf die fiese Kuhmeute musste selbst Thomas zugeben, das sei sehr „grenzwertig“ gewesen…so fühlte ich mich gleich wieder besser. 😉

Und morgen? Ruhetag und Silvester!

 

So what’s next:
Silvester-Party in Te Kuiti mit der Weihnachts-Crew! Danach wandere ich fünf bis sechs Tage durch den Pureora Forest bis zur nächsten größeren Stadt Taumaranui. Auf dem Weg dahin stelle ich den nächsten Trail-Höhenrekord auf: es geht hoch auf bis zu 1.165 Meter. Das verspricht viel Spaß und überragende Aussichten…neben ein bisschen Anstrengung! 😉

2 Kommentare zu “7. Trail-Abschnitt: Von Hamilton nach Te Kuiti über den Pirongia – Blinder Passagier an Bord!

  1. Rüdi

    Ich wünsch dir einen super Rutsch ins Jahr 2016! Ich werde auch im Januar direkt jeden Blogeintrag mit viel Fernweh lesen. Ist der Tongariro Crossing eigentlich Teil des Trails? Bin auch gespannt ob du in Whanganui mit dem Kanu oder Kayak fahren wirst. Freu dich jetzt schon auf die Südinsel, ich schätze, die wird dir noch besser gefallen als die Nordinsel!

    Allerbeste Grüße!!

    1. Stef Autor des Beitrags

      Hey, kann dir nach tagelanger digitaler Abstinenz endlich mal antworten. Eigentlich cool, dass es noch Orte gibt, an denen man keinen Mobil-, Internet- oder GPS-Empfang hat! 😉

      Tongariro ist die nächste Etappe…aber erstmal ein bisschen entspannen. Dir/euch viel Erfolg in Montreal, drücke euch von hier die Daumen!!

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